Die Streckgrenze ist die Spannungsgrenze, bei der sich ein Metall dauerhaft zu verformen beginnt. Unterhalb dieser Spannung verhält sich das Metall wie eine Feder – es biegt sich, nimmt aber nach Wegnahme der Kraft wieder seine ursprüngliche Form an. Oberhalb der Streckgrenze bleibt das Metall auch nach Wegnahme der Belastung gebogen.
Ingenieure nutzen die Streckgrenze als kritische Sicherheitsschwelle. Sie konstruieren Bauwerke so, dass die normalen Betriebsspannungen deutlich unter diesem Wert bleiben. So wird sichergestellt, dass Gebäude nicht dauerhaft durchhängen, Autoteile sich nicht verformen und Brücken auch nach Jahrzehnten ihre Form behalten.

Manche Metalle, insbesondere Weichstahl, weisen zwei ausgeprägte Streckgrenzen statt nur einer auf. Die obere Streckgrenze ist eine kurze Spannungsspitze, an der das Metall erstmals nachgibt. Unmittelbar danach fällt die Spannung auf eine untere Streckgrenze ab, an der die plastische Verformung bei konstanter, niedrigerer Spannung fortgesetzt wird.
Dies geschieht aufgrund der Wechselwirkung der Atome im Metall. Kohlenstoff- und Stickstoffatome im Stahl wirken wie winzige Anker, die die innere Struktur des Metalls fixieren. Das Aufbrechen dieser Anker erfordert zusätzliche Kraft – das ist die obere Streckgrenze.
Sobald sich diese Anker lösen, fließt das Metall an der unteren Streckgrenze leichter. Dies kann man tatsächlich an sichtbaren Bändern, sogenannten Lüders-Bändern, erkennen, die sich während des Tests über die Metalloberfläche ausbreiten.
Ingenieure verwenden für Konstruktionsberechnungen üblicherweise die untere Streckgrenze, da diese das anhaltende Spannungsniveau während des plastischen Fließens darstellt. Materialien wie Aluminiumlegierungen zeigen dieses zweistufige Verhalten nicht, sondern geben stattdessen allmählich nach.
Die Streckgrenze wird mithilfe eines Zugversuchs gemessen, bei dem eine Metallprobe kontrolliert auseinandergezogen wird. Eine Maschine erfasst sowohl die aufgebrachte Kraft als auch die Dehnung der Probe. Dadurch wird eine Spannungs-Dehnungs-Kurve erstellt, die genau zeigt, wo die Streckgrenze beginnt.
Bei Metallen mit einer klaren Streckgrenze, wie etwa Weichstahl, ist ein plötzlicher Abfall oder ein „Knie“ in der Kurve zu erkennen. Viele Metalle gehen jedoch allmählich vom elastischen zum plastischen Verhalten über, wodurch die genaue Streckgrenze schwerer zu erkennen ist.
Wenn es keine scharfe Streckgrenze gibt, verwenden Ingenieure die 0.2-%-Versatzmethode. Sie zeichnen eine Linie parallel zum elastischen Teil der Kurve, versetzt um 0.2 % Dehnung. Der Schnittpunkt dieser Linie mit der Kurve definiert die Streckgrenze – die Spannung, die eine winzige, aber dauerhafte Verformung von 0.2 % verursacht.
Die Streckgrenze eines Metalls wird von mehreren Schlüsselfaktoren bestimmt:
| Material | Streckgrenze (MPa) |
|---|---|
| Kohlenstoffarmer Stahl (ASTM A36) | ~250 MPa |
| Hochfester legierter Stahl (A514) | ~690 MPa |
| Aluminiumlegierung (6061-T6) | ~240 MPa |
| Kupfer (99.9 % rein, geglüht) | ~70 MPa |
| Titanlegierung (Ti-6Al-4V, Grade5) | ~830 MPa |
Die Streckgrenze gibt an, wann eine dauerhafte Verformung beginnt, während die Zugfestigkeit die maximale Spannung angibt, bevor das Material bricht. Ein Metall gibt zunächst nach, verformt sich weiter und wird dabei fester (Kaltverfestigung) und bricht schließlich an seiner Zugfestigkeit.
Ja, Faktoren wie Ermüdungsbelastung, Korrosion und Temperaturbelastung können die Streckgrenze verändern. Kaltbearbeitung während des Betriebs kann sie erhöhen, während hohe Temperaturen oder Spannungskorrosion sie deutlich verringern können.